Die Social-Media-Kolumne mit @luebue, Wolfgang Lünenbürger-Reidenbach, Digitale Strategie, achtung! +++
Essen macht dick. Fernsehen macht dumm. Blogs sind zu 99% Müll. Und Twitter ist belangloses Zeug. Als Vater weiß ich: die beiden ersten Aussagen stimmen. Irgendwie. Oder auch nicht. Oder so. Und als Digital Immigrant weiß ich, das gleiche gilt für die beiden anderen Aussagen. Auch irgendwie. Oder auch nicht. Oder so.
Uwe Knaus vom Daimlerblog, den ich ja nun schon lange begleite (und, wenn ich ehrlich bin und es mal so sagen darf, bewundere dafür, wie er sich und sein Unternehmen verändert hat), hat heute in seinem kleinen blogartigen Dingens eine der üblichen Diskussionen über die Chancen und Gefahren und Veränderungen und so (ja genau) zusammen gefasst. Und kontert die professorale Aussage, Blogs würden das Gehirn verrußen, mit dem wunderbaren Satz:
Am Ende könnte man ja auch behaupten: „Essen macht dick“ Es hängt von meinem Konsumverhalten ab. Wenn ich zuviel esse, werde ich auch dick. (Uwe Knaus in “Uwe’s posterous”)
Es wäre so viel gewonnen, wenn die eine oder der andere irgendwann einmal daran denken würde, dass es auch in diesem komischen Internetz keinen Lesezwang gibt. Also zumindest keinen, den das Internetz verordnet. Für alle, die unter Lesezwang leiden, sei die Therapieseite Text On Things empfohlen, die mir auch immer wieder hilft, denn ich bekenne mich zu diesem Problem.
Wenn ich nicht selektiv mit Essen umgehe (oder krank bin), werde ich dick.
Wenn ich nicht selektiv mit Fernsehen umgehe, werde ich dumm.
Wenn ich die allgemeine Timeline bei Twitter lese, drehe ich durch.
Und wenn ich den ganzen Tag nur irgendwelche Blogs lese, verrußt mein Gehirn (was immer das ist).
Daraus aber zu schließen, dass Essen alle Esser immer dick mache oder Fernsehen jede Fernsehgerätbenutzerin zwangsläufig dumm, ist ähnlich naheliegend wie die Behauptung, Blogs, Facebook oder Twitter machten jeden zum Psychopathen oder verrußten das Gehirn.
Neulich hab ich auf einer Veranstaltung einem, der sagte, er sehe so viel Belangloses auf Twitter und auf Facebook, entgegnet, dass er dann wohl den falschen Leuten folge, also die falschen Sachen lese. Denn ich sehe da fast nur relevante Dinge. Das mag daran liegen, dass ich inzwischen selektieren kann, weil ich es geübt habe. Oder dass mich Dinge interessieren, die er belanglos findet. Und tatsächlich: wir lesen komplett unterschiedliche Leute, wenn wir online gehen, haben wir dann herausgefunden.
Aber ich werde ja nicht davon dick, dass mein Freund schokoladensüchtig ist. Meine Kinder werden nicht dumm von den Sendungen, die ihre Freunde sehen. Und mein Hirn verklebt nicht von dem Zeug, das der Herr Professor Rota offenbar liest (wobei dann immer noch die Frage ist, warum er das liest, aber das ist noch mal eine ganz andere Geschichte). Wer was anderes sagt, verrußt mein Gehirn.
11.12.2009
Und ich bleibe dabei: Twitter macht dick!
Nee, Thilo, nicht dick. Twitter macht Beulen. Und zwar am Kopf, wenn man nämlich auf der Straße gehend ins Smartphone twittert und den Laternenmast nicht kommen sieht.
Aber auch dafür gibt’s ne App: http://www.type-n-walk.com/
Wolfgang, volle Zustimmung, wie meistens.
Es ist nun ziemlich genau 3 Jahre her, als wir uns über den Weg gelaufen sind und seitdem hat sich ziemlich viel verändert. Ich allerdings habe mich nicht verändert, ich war schon immer so. Was sich tatsächlich verändert hat, ist mein Kommunikationsverhalten - und da bist Du nicht ganz unschuldig daran
Damals war mir Deine “Öffentlichkeit” ehrlich gesagt ziemlich suspekt. Damals. Im Laufe der Zeit änderte sich diese Sicht. Auch ich machte mich ein wenig öffentlich (via twitter, flickr, blip, posterous …) und merkte, dass da was zurück kommt.
Heute bin ich mir sicher, dass mit zunehmender Transparenz auch das entgegengebrachte Vertrauen wächst. Das gilt hinsichtlich Personen und im übertragenen Sinne auch für Unternehmen.
Ich habe mein Unternehmen nicht verändert, kann ich gar nicht. Daimler wird heute lediglich anders wahrgenommen - menschlicher. Und das weil die Kollegen, die auf dem Daimler-Blog ihre Geschichten erzählen sich ebenfalls öffnen und i.d.R. damit auch das erste Mal in der Öffentlichkeit stehen.
Wenn das authentisch geschieht und Wirkung zeigt, verrußt auch nichts. Zur Ehrenrettung von Franco Rota muss ich sagen, dass er zwei Blogs angeführt hat, die seiner Meinung nach funktionieren: Das von Frosta und das von Daimler. Stimmt wirklich!
Und somit bin ich wieder im November 2006: Da hatte ich nicht nur Dich, sondern auch Friederike Ahlers kennen gelernt. Sie stellte das Frosta-Blog vor. Die konzeptionellen Gene für das Daimler-Blog waren hiermit angelegt.
Hallo Wolfgang,
Hallo Uwe,
ich glaube, das ganze ist viel “tiefenpsychologischer” - ohne dass ich jetzt psychologisch werden will. Wir bauen uns eben alle unsere eigene Wirklichkeit. Und wenn wir die mal gebaut haben, dann suchen wir eben irgendwelche (einfachen) Wahrheiten, die unsere Wirklichkeit (scheinbar) bestätigen. Hier geht es nicht darum, ob essen dick macht, Fernsehen doof oder bloggen das Hirn verrucht. Es geht nur darum, dass jemand (aus welchen Gründen auch immer) ein gestörtest Verhältnis zu Essen, Fernsehen oder Bloggen hat, und - das erscheint mir ganz wichtig - es weder aus vollem Herzen machen oder aus vollem Herzen lassen kann. Und deswegen “nervt” es sie, und deswegen muss man halt irgendwas dazu sagen. Denke ich. Mal so.
Ich befürchte, da sind wir alle nicht vor gefeit. Und wir alle müssen daran arbeiten. Wenn selbst der ansonsten sehr hochgeschätzte und bestimmt intelligente und bewusste und social-media-affine “genervt” von Formspring ist (http://twitter.com/tknuewer/status/6627710145), dann muss man schon mal einen Moment anhalten und sich fragen: “Hallo?”. Wir kann man von Formspring “genervt” sein. Da ist eben ein weiterer Service im Netz. Na und? Man kann ihn mögen. Oder ihn nicht mögen. Man kann ihn nutzen. Oder nicht nutzen. Aber genervt sein?
Also, wenn - wie bei mir aktuell - genau 10 von 20 Tweets in der Web-Timeline Formspring-Tweets nur eines Nutzers sind, dann nervt es schon. Ich nehmes es wahr - ob ich will oder nicht. Einzige Handlungsoption: Entfolgen der jeweiligen Nutzer. Würde ich auch machen, wenn ich nicht wüsste, dass der Spaß bald vorbei geht (und ich ansonsten an den anderen Tweets dieses Nutzers interessiert bin). Ist irgendwie wie ein Werbeblock. Der Sound ist zu laut und eigentlich will ich etwas anderes sehen. Klar, ich kann leiser machen oder umschalten - aber kurzum: Es nervt. Genauer gesagt: Es stört, weil es mich persönlich nicht interessiert. Ich finde, Formspring wäre auch ein guter Aufhänger für einen Rant: Formspring ist Bullshit!
Schön gesagt! Um aber mal kurz im kulinarischen Bild zu bleiben: Da weiß ich zumindest: Ich mag: Pasta, Trüffel, Gorgonzola, Pinienkerne, Saltimbocca. Und ich sollte so in ungefähr essen: Viel Obst und Gemüse, Fisch, mageres Fleisch, Vollkornprodukte, mageren Joghurt und Nüsse. Will sagen: Ich weiß, was gut für mich ist und ich weiß, was ich mag. Und: Es werden nicht alle 4 Sekunden neue Nahrungsmittel erfunden, neues Obst gezüchtet oder exotische Gemüsearten entdeckt, die es vorher noch nicht gab. Das entspannt schon mal mächtig. Mein Problem ist nämlich nicht: Das zu viel konsumieren, Non-Selektion oder Überflutung. Sondern das permanente Gefühl, einen spannenden Blogger zu übersehen, einen interessanten Twitterati nicht zu kennen, einen tollen flickr-Account noch nicht entdeckt zu haben. Und weil es oft die kleinen Perlen sind, die mich begeistern - die, mit wenigen Followern, die, die das ganz Spezielle für sich entdeckt haben und sich weitab vom Mainstream bewegen - deswegen habe ich keine Angst, dick zu werden - sondern das spannendste Menü zu übersehen, die tollste Zutat nicht zu kennen, das großartigste Restaurant nicht zu entdecken. Und deswegen also nicht übergewichtig durch die Welt zu rollen sondern Dinge zu essen, die ich zwar sehr lecker finde- aber mein eigentliches Traumessen einfach immer zu verpassen.
Ich freue mich sehr, dass unsere kleine Diskussionsrunde an der HdM ein wenig Nachbeben ausgelöst hat.
Übrigens ist jetzt auch mal genug mit Essens-Metaphern. Ich bekomm nämlich grade wieder Hunger davon. Und dann machen Blogs wirklich dick!
Hallo Tilo,
aber das ist dann doch nicht *Formspring*, das nervt. Dass die Fragen und Antworten getwittert werden, ist *ausschließlich* eine Aktion des jeweiligen Twitterers. Er twittert, dass er jetzt eine Frage beantwortet hat. Oder er twittert es nicht.
Bei Licht betrachtet ist ein “Formspring nervt” nämlich ein “für mich nichtrelevante Tweets nerven”. Wobei das ja nun wirklich nichts Neues ist. Was hier neu ist: Dass dann die Meinung entsteht “Formspring ist Bullshit”. Das ist falsch: Jede Antwort auf Formspring zu twittern, DAS ist Bullshit. Aber nicht Formspring selbst. Das ist im schlimmsten Falle unschuldig. Im besten Falle sogar ein sehr interessantes Dialogtool.
Super Beitrag, danke. Die Analogie hilft mir, mein Nutzungsverhalten zu überdenken. Im Grunde ist Tweetdeck wie die gut mit Schokolade gefüllte Schreibtischschublade: Immer verlockend, immer griffbereit. Wenn ich mich bewusst und richtig gesund ernähren will, muss ich mich zwingen, sie zuzulassen. Aber wer will das schon! Am Ende hilft nur, gesündere Sachen reinzufüllen oder sie nicht immer ganz voll zu haben. Bei Twitter ist es wichtig, seine Followerschaft im Blick zu halten und die Timeline nicht zu voll zu füllen. Und sich nicht komplett überflüssige Sachen reinzuziehen - es sei denn, es schmeckt gerade so verdammt gut…
@Tilo S. und @ Mirko: Das mit Formspring finde ich wirklich wieder sehr typisch. Und ähnlich wie Forsquare - ja, da müssen wir erst mal experimentieren, wie damit umzugehen ist. Meine Lösung bei Formspring ist, dass ich es im Blog eingebaut habe, aber weder die Dinger über Twitter schicke, noch es ankündige - und siehe, es nutzt keiner und fragt mich nicht. Bei Forsquare war es ja ähnlich in den letzten Wochen: Der eine wendet sich mit Grausen ab und “entfollowt” alle, die ihre Orte twittern, der andere genießt es - und die Nutzer (diesmal auch ich) müssen eben erst mal üben, was sie an alle weitersagen und was nicht…
@Til T.: Wobei - was heißt schon überflüssig in diesem Fall. Im Sinne der maslowschen Bedürfnispyramide ist dies ja alles eher überflüssig. Na und? Schokolade und TV ist es auch.
@Wolfgang
Die Wahrheit liegt wohl wie immer in der Mitte. Um Formspring anzuteasern kann man sehr wohl ausgewählte Fragen twittern. Oder auch mal darauf hinweisen. Aber was “nervt” ist eben das “ungefilterte emittieren” von allem, was irgendwie auf Twitter Content sein könnte. Nur ist das eben nicht abhängig von Formspring oder irgendwelchen anderen Tools, sondern von dem Anwender.
Es ist wie im richtigen Leben. Wer ständig Zeug daherquatscht, der nervt schnell mal andere Leute. Wer nie etwas sagt, kommt auch nicht richtig ins Gespräch. Oder?
Lieber Wolfgang,
ein gutes Beispiel. Man könnte noch so weit gehen zu sagen, dass auch der Mensch ja nicht von Geburt an weiß, wie er sich zu ernähren hat bzw was ihm bekommt usw. Aber wir wollen es ja nicht übertreiben